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Warum - Der Tod und das Leben
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Leseprobe aus

Eva Hahn

Warum -
Der Tod und das Leben

F
ür alle Trauernde und die,
die es werden.


Als E-Book zum reduzierten Preis
von 15.- Euro incl. MwSt


Nur exklusiv beim Verlag KiChiKi erhältlich!

Kurzinfo:

Der Umgang mit den Tabuthemen Tod und Trauer
wird in diesem Buch auf besondere Art und Weise
erläutert. Erfahren Sie, wie Sie mit dieser Thematik,
die jeden früher oder später trifft, umgehen und
finden Sie Antworten nach dem „Warum.“

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Eltern, die ein Kind verlieren, Partner, deren Lebensgefährte verstorben ist, Kinder, die plötzlich
alleine dastehen suchen nach dem “Warum gerade ich”. Ein Buch mit möglichen Erklärungen
und Lösungen.


Es war Donnerstag der 12. September 1974. Ein schöner Altweibersommertag mit dem ihm eige-
nen Morgennebel und der langsam hervorlugenden Sonne, die nach und nach für Durchblick
sorgte. Meine Tochter, 5 Jahre alt und mein Sohn, 3 Jahre alt standen wie jeden Morgen auf und
erzählten. Sie waren noch ganz vom Urlaub am Plattensee erfüllt, bei dem sie und ich gezeltelt
und eine wunderbar harmonische Zeit verbracht hatten.


Mein kleiner Sohn hatte dort schwimmen gelernt und war seitdem immer mit seinen Schwimm-
flügeln unterwegs. Auch als beide nach unten auf die Straße gingen, um zu spielen. Den
Kleinen hörte man immer schon von weitem, er hatte an sein Dreirad Dosen gebunden und
schepperte die Straße rauf und runter. Mit seinen Schwimmflügeln an den Armen, „denn es
konnte ja sein, dass es plötzlich zu regnen anfing, das Wasser steigt, dann ginge er nicht unter“,
kauderwelschte er, erklärend mit Händen und Füßen. Mittags kamen die Beiden hungrig zum
Essen, um bald danach wieder abzuziehen. Sie verlebten einen schönen, warmen, lustigen
Tag im Kreise ihrer Freunde.


Wie jeden Abend wurden sie total verdreckt in die Badewanne gestopft – es gab noch mächtig
Stressmit meinem Sohn, der nicht glauben konnte, dass sein Hemd es wirklich nicht über die
Schwimmflügel schaffen konnte und protestierte erst einmal eine Zeitlang.


Nach dem Abendessen beschlossen meine Beiden noch ein bisschen zu malen. Mit Wasser-
farben. Und Schwimmflügeln. Der Traum jeder Mutter, die gerade frisch gebadete Kinder hat.
Also. Alles wieder ausziehen. Sie malten dieses Mal wirklich sehr diszipliniert und tropften wenig
herum. Nach einiger Zeit riefen sie mich und zeigten mir ihre Gemälde. Das Mädchen hatte ein
dunkelrotes Bild gemalt ohne irgendwelche Männchen, wie sonst, der Junge ein pechschwarzes.
Schock. Was hat das zu bedeuten? Ich hatte keine Ahnung. Beide fanden die Bilder schön,
gingen ins Bett – am liebsten mit den Schwimmflügeln - und hatten eine ruhige Nacht.


Ich dachte daran, als ich nach der Geburt der beiden beschloss, sie als Leihgabe zu sehen.
Wie ein Buch, das man eines Tages wieder zurück geben muss. Mit leeren Seiten, auf die man
etwas schreibt. Dinge, die dazu beitragen, gefestigte Persönlichkeiten zu erhalten, fröhliche,
ehrliche, glückliche Menschen. Und es wird eine Rolle spielen, ob mehr Positives oder mehr
Negatives darin stehen würde. Wie viele Eselsohren es hatte, ob es abgegriffen und unnütz
geworden wäre.


Der neue Morgen war anders als all die anderen. Ich weiß nicht warum. Die Kinder standen auf
wie gewohnt, waren lustig und fidel wie immer, plapperten vor sich hin, frühstückten und doch
gab es da etwas, was ich nicht einordnen konnte. Es war, als wenn ein Seil losgelassen worden
wäre, das sich in einem bestimmten Muster entrollte, worauf man keinen Einfluss hat. Ein äußerst
komisches Gefühl. Ich kam mir an diesem Morgen wie ein Roboter vor, der alles nur automatisch
tat. Ich begriff nichts mehr.


Dieser Freitag, der 13. sollte der schwärzeste Tag in meinem Leben werden. Ein Tag, an dem es
kein Entrinnen gab. Es war ein Tag, den ich nicht einmal dem Ärgsten meiner Feinde wünsche. Er
übertraf alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Schmähung, Demütigung und Verachtung, die bis
dahin stattfanden, waren nichts dagegen.


Die Beiden waren beim Milchholen für die Katze. Der Kleine saß im Kinderwagen – ohne Schwimm-
flügel - , die große Schwester schob ihn, wie jeden Morgen. Sie gingen diszipliniert auf dem Geh
steig, überquerten eine Ampel bei grün, gingen weiter, bis sie zur Hauptstraße kamen. Die Ampel
war für die Kinder grün. Sie gingen über die Strasse und ein Lastwagen überrollte den Buben. Tot.
Das Seil meines Sohnes war abgerollt. Es hatte keine Verankerung mehr. Das schwarze Bild! Nun
machte es Sinn. Die Schwimmflügel, die er nicht abstreifen wollte als Ausdruck von Engelsflügeln?
Es war ein Gefühl in mir, das man nicht beschreiben kann. Es war eine Daseinsänderung von jetzt
auf gleich. Begreifen und Nichtbegreifen in Einem. Wahr und Unwahr in der Einheit. Eine 180°
Drehung, ohne selbst beteiligt zu sein. Es geschah einfach. Roboterhaft. Unbeeinflussbar.


Ein tiefes, dunkles Loch tat sich in mir auf, das im Nichts endete. Eine Spirale kam in Bewegung,
die alles, was ich bis dahin gewesen war, in sich zerquetschte. Ein unfassbarer Strudel übermannte
mich und schleifte mich immer weiter weg vom Leben. Ein unaufhaltsamer Druck baute sich auf,
wie wenn man ohne Sauerstoffgerät unaufhaltsam in 1000 m Tiefe gezogen wird und weiß, man
kommt von dort nicht so schnell wieder weg. Der Atem stand und machte dem widerlichen Pulsieren
übermächtigem Blutstroms Platz. Der Körper war ansonsten unfühlbar. Nur Leere, Leere, Leere.
Es war, als wenn ich in eine andere Dimension gezogen werden würde. Es gab kein Zurück. Alles
um mich herum war zu einer grausamen Unwirklichkeit geworden. Ein anderer Planet. Es war eine
banale Oberfläche, die mir nichts mehr sagte. Da waren irgendwelche Regungen im Außen, die in
keinster Weise zu meinen Inneren passen wollten. Geschäftigkeit, obwohl Ruhe angesagt war,
Geplapper, obwohl die absolute Stille mehr Klang gehabt hätte, Bemühungen, die keinen Widerhall
in mir fanden. Ansprache, die versiegte.


Es gab nur einen, der mich in dieser Situation verstand. Das war der Todesfahrer. Wir saßen
schweigend da, hielten uns an den Händen und weinten. Nur wir beide wussten, was im andern
vorging.Ich hatte kein einziges Mal Hassgefühle gegen ihn. Schließlich kann so etwas jedem pas-
sieren. Er tat es ja nicht mit Absicht. Er sah die Ampel nicht. Die Sonne stand in einem schicksal-
haften Winkel. Mein Mann war emotional schon zu weit weg und es schmerzte, wenn er mich
berührte.


Passiert so etwas, dann ist die Straße in Minuten voll von Gaffern und Geiferern, Geiern gleich, die
Aas wittern. Wo kamen die bloß so schnell alle her? Gab es unterirdische Gänge, die diese Amei-
sen- Menschen nach oben pumpten? Wird da alles stehen und liegen gelassen, um diese einmali-
ge Todes-Show nicht zu verpassen? Es war ein Gemurmel und staunendes Kopfgerecke, um ja al-
les sehen zu können. Die Verteilung von Tipps der Supergescheiten, was, man alles tun hätte kön-
nen und machen müsste. Genaue Beobachter der Szene plusterten sich mit ihrem Nicht-Wissen
auf. Um den Daheim-Gebliebenen, den Siechen und Kranken, den Arbeitenden und nicht-weg-
Gekonnten eine umfassende Schilderung der Tatsachen aus ersten Hand zu bieten? Ich hätte
jedem einzelnen die Fresse polieren können, das mitleid-heischende Getuschel war unerträglich.
Wissen diese Menschen denn nicht, wie man sich in einem solchen Moment fühlt? Dass alles
andere besser wäre, als ihre blöden Fratzen sehen zu müssen?
Diese von-einem-Moment-auf-den-anderen-Trauer-Tragenden, die sich im Grund der Lächerlich-
keit preisgeben. Diese Hab-acht-am-Straßenrand-Lungernden, die jede meiner Bewegungen
analysierten. Diese null-und-nichtig-Klageweiber, die auch nur die kleinste meiner Lautäußerungen
mit Entsetzen registrierten. Die Wut in mir auf diese Verhaltens-Krüppel ließ mich langsam wieder
in diese fürchterliche Wirklichkeit eintauchen.


Der Pfarrer verschwand kurz vor diesem Ereignis in der Kirche und ließ sich nicht blicken. Obwohl
ich immer wieder mal bei ihm die Orgel spielte. Die Feigheit in Person. Ein von Amts wegen einge-
setzter Tröster, der sich lieber in seine geheiligten Gemächer zurück zog, als sich den Tatsachen
zu stellen. Oder dachte er, es war ja nur ein Kind, das da ums Leben kam, das ist ja noch un-
schuldig, das kommt sowieso in den Himmel?


Wo war mein Sohn hingegangen? Warum ist das passiert? WARUM? Warum bekam ich keine
Antworten, nur das lapidare: „Es ist Gottes Wille“. Ja verdammt nochmal, was ist das für ein Gott,
der es zulässt, dass sein Bodenpersonal so bescheuert ist? Oder ist es nicht eher die Unfähigkeit,
sich mit diesem Thema gebührend auseinander setzen zu wollen?